Gesundheitskarte

ZEIT ONLINE | WIRTSCHAFT, 14.01.2010
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Ewig im Test

Von Nele Hansen

Seit acht Jahren wird über die elektronische Gesundheitskarte gestritten.
Investoren verlieren langsam die Geduld.

Im Dauertest: die elektronische Gesundheitskarte (© Lennart Preiss/ddp)
Im Dauertest: die elektronische Gesundheitskarte (© Lennart Preiss/ddp)

Eine Wohnsiedlung am Rande der 100.000-Einwohner-Stadt Siegen am südlichen Zipfel Nordrhein-Westfalens, weiß verputzte Fassaden, schwarze Schieferdächer. In einem kleinen Büro sitzt Nils Finkernagel, 32, zwei Computer, Ikea-Stühle und ein paar Produktproben füllen das Arbeitszimmer. Er ist Geschäftsführer des Startup-Unternehmens MaxiDoc mit zehn Mitarbeitern. Knapp 150 Kilometer südlich, in Walldorf bei Mannheim, in nicht ganz so idyllischer Lage sitzt die InterComponentWare AG (ICW). Inhaber ist Dietmar Hopp, SAP-Mitbegründer und einer der reichsten Männer des Landes. Eines haben die beiden gemein: Sie wollen mit der elektronischen Gesundheitskarte Geld verdienen.

Derzeit werden die ersten Karten in Köln und Düsseldorf ausgegeben . Sie speichern vorerst nur Daten wie Name, Alter und Versicherungsstatus des Patienten. Äußerlich unterscheiden sie sich kaum von den bisherigen Krankenversichertenkarten. Nur dass ein Foto des Besitzers die Vorderseite schmückt. Das soll Missbrauch verhindern. Doch irgendwann wird die neue Karte mehr können als die alte: Mit ihr soll man dann zum Beispiel elektronische Rezepte einlösen können. Der Apotheker müsste dann nicht mehr mühsam die Krakelschrift des Arztes entziffern und das Rezept hinterher einscannen, um es mit der Krankenkasse abzurechnen. Arztbriefe könnten auch gleich elektronisch verschickt werden.

Das Wichtigste jedoch: Die Karte könnte als Schlüssel für eine elektronische Patientenakte dienen, in der an zentraler Stelle alle wichtigen Untersuchungsergebnisse wie Blut- und Röntgenbilder und sonstige Befunde gespeichert werden. Arzt und Patient könnten mit einem elektronischen Heilberufsausweis und der Gesundheitskarte auf die Daten zugreifen, wenn der Patient diese freigibt. »Insbesondere für chronisch Kranke, die von mehreren Ärzten behandelt werden, ist das wichtig. Denn in der Vergangenheit sind viele Daten verloren gegangen oder wurden doppelt erhoben«, erklärt Franz-Joseph Bartmann, Vorstand der Bundesärztekammer.

Doch Kritiker sperren sich gegen diese Funktionen. Zu teuer, zu unsicher, zu unpraktisch, sagen sie. Deshalb ruht die größte technische Sozialreform Deutschlands zurzeit. Gesundheitsminister Philipp Rösler stoppte Ende Oktober die weitere Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte und will das weitere Vorgehen prüfen. Doch kommen wird die Karte, das ist im Sozialgesetzbuch festgelegt. Nur wie und wann ist im Moment noch ungewiss.

Um schließlich alle Funktionen erfüllen zu können, ist der Aufbau eines riesigen Netzes zwischen rund 80 Millionen Patienten, 100.000 Arztpraxen, über 20.000 Apotheken und 2000 Krankenhäusern notwendig. Telematikinfrastruktur nennt sich das Ganze. Und für diesen Aufbau ist die Gematik, die Gesellschaft für Telematikanwendungen im Gesundheitswesen, zuständig. Sie besteht aus Gesellschaftern der Spitzenverbände im Gesundheitswesen.

Auf die technische Alleskönnerkarte hofft in erster Linie der Bundesverband der Informationswirtschaft und Telekommunikation, kurz Bitkom. Rund 50 Unternehmen des Branchenverbandes sind in irgendeiner Form an dem Milliardenprojekt beteiligt. Nach einer Studie der europäischen Kommission birgt die Vernetzung des Gesundheitswesens ein Umsatzpotenzial von 50 bis 60 Milliarden Euro – klar, dass die deutschen IT-Unternehmen mitverdienen möchten.

»Es ist schade, dass das Projekt in Deutschland so langsam vorankommt«, sagt Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer. »Andere Länder sind viel schneller.« In Deutschland geht das Projekt immerhin ins achte Jahr, und die Unternehmen hoffen immer noch auf die Vergabe der Aufträge.

Dietmar Hopp ist gleich mit zwei Unternehmen beteiligt: zum einen mit der Firma ICW, die sogenannte Konnektoren herstellt, das sind kleine schwarze Kästchen, die aussehen wie DVD-Player im Kleinformat. Wichtig sind sie für die sichere Vernetzung, weil sie Arztpraxen gegen Angriffe auf ihre Computer abschirmen, die Verschlüsselung der Daten übernehmen und so eine Verbindung vom Arztcomputer zum Rechenzentrum oder von Arzt zu Arzt überhaupt erst ermöglichen. Zum anderen ist die ICW Hauptanteilseigner der Geteg, die als Betreibergesellschaft für das ganze elektronische Gesundheitsnetz dienen und das Zusammenspiel der unterschiedlichen Komponenten übernehmen könnte.

Auch T-Systems oder IBM wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. Doch bislang haben sie alle nur viel Geld in die Hand genommen, mehrere Millionen sind allein bei der ICW in das Projekt geflossen, 340 Millionen Euro hat die IT-Branche insgesamt investiert. Doch verdient haben bislang nur die Hersteller der Chipkarten und Lesegeräte. »Die aktuelle gesundheitspolitische Lage rechtfertigt keine weiteren Investitionen«, sagt Jörg Stadler, Vorstandsmitglied der ICW. Deshalb wenden sich bereits die ersten Unternehmen, die auf lukrative Aufträge gehofft hatten, von dem Projekt ab. Siemens zog sich vor einigen Monaten zurück. »Es war einfach nicht klar, wann und wie wir Geld verdienen können«, erklärt ein Siemens-Sprecher.

Gesundheitsminister Rösler verärgert zwar im Moment die Industrie. Viele Ärzte und Verbände befürworten allerdings den Stopp. »Die ganze Technik steht und fällt mit der Akzeptanz«, sagt ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die im Prinzip für die neue Karte ist. »So ein Projekt kann nicht einfach gesetzlich verordnet und auf Teufel komm raus durchgeboxt werden.« Bei Testläufen in Flensburg schnitt die Karte schlecht ab. Zwei Drittel der Patienten vergaßen ihre Geheimnummer, das Abrufen der elektronischen Rezepte kostete viel Zeit und blockierte den Praxisalltag.

Die größte Angst löst aber die Datenspeicherung aller Krankenakten an einem Ort aus. Nicht ohne Grund: Datenskandale sind schließlich an der Tagesordnung. Einmal tauchen Daten des Online-Netzwerks SchülerVZ auf, dann sind es Kreditkartendaten oder eben auch Krankenakten von Betriebsmitarbeitern. Daimler, die Deutsche Bahn oder Lidl – sie alle haben illegal Informationen über Krankheiten der Mitarbeiter aufbewahrt.

Und so sorgt sich auch der Deutsche Ärztetag um das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Der NAV-Virchow-Bund vertritt die niedergelassenen Ärzte und zählt ebenfalls zu den schärfsten Kritikern der zentralen Speicherung von Patientendaten. »Genetische Informationen, zum Beispiel ob man irgendwann Brustkrebs bekommt oder Erbkrankheiten hat, dürfen nirgendwo zentral lagern«, betont Klaus Bittmann, Bundesvorsitzender des Verbandes. Die Horrorvision: Im Internet wabern irgendwann nicht nur die letzten Partyfotos, neuesten Blogeinträge und Shoppinglisten umher, sondern auch so sensible Daten wie Blutwerte, Röntgenbilder oder Ergebnisse von Gentests; eine Lebensversicherung abzuschließen wird unmöglich, sofern in der Familie viele Krebserkrankungen vorliegen, einen Job bekommt man sowieso nicht mehr.

Viele Ärzte sehen die ärztliche Schweigepflicht in Gefahr und befürworten deshalb USB-Sticks, wie sie die Firma maxidoc von Nils Finkernagel aus Siegen herstellt. Die elektronische Patientenakte wäre nicht zentral gespeichert, sondern auf einem Stick oder Kärtchen im Scheckkartenformat, das bequem ins Portemonnaie passt. Jeder Arzt, der ein entsprechendes Programm besitzt, kann den Stick lesen und bekommt sofort ohne Online-Anbindung einen Überblick über die Krankengeschichte und kann darauf selbst Diagnosen, Impfungen, Blutwerte und Röntgenbilder abspeichern.

»Jeder kann seine Daten bei sich tragen und entscheiden, wem er sie zeigt«, sagt Bittmann. USB-Sticks seien zwar nicht sicherer als die elektronische Gesundheitskarte, aber sie könnten genauso sicher gemacht werden, glaubt Thilo Weichert, Leiter des unabhängigen
Landesdatenschutzes in Schleswig-Holstein. Allerdings betont er: »Wenn das System rund um die elektronische Gesundheitskarte entsprechend den gesetzlichen Regelungen umgesetzt wird, besteht ein hoher Sicherheitsstandard. Dafür gibt es derzeit bei der Kommunikation mit sensiblen Medizindaten keine Alternative.« Ein einheitliches, geschütztes Netz ist aus Sicht Weicherts wichtig, denn bislang schicken Ärzte Diagnosen unverschlüsselt übers Internet oder kommunizieren diese über kleine Netzwerke, was viel unsicherer sei, so Weichert.

Mehr Klarheit zum Thema elektronische Gesundheitskarte wird es wahrscheinlich erst nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2010 geben. Dann will sich Rösler mit der Gesundheitsreform auseinandersetzen, dann könnte auch die Gesundheitskarte zur Sprache kommen. Die Industrie muss somit weiter auf Umsätze warten, Patienten und Ärzte hoffen in der Zeit auf eine Lösung, mit der sich alle anfreunden können. Vielleicht gibt es den USB-Stick ja als freiwillige Alternative zur zentralen Speicherung. Doch das ist so ungewiss wie das nächste Spielergebnis von Dietmar Hopps Fußballklub TSG 1899 Hoffenheim.

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ZEIT ONLINE | WIRTSCHAFT vom 14.01.2010
Bildquelle: Foto (1) von © Lennart Preiss/ddp

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