Eine Patientenakte für die Hosentasche

Als roter Speicherstick oder als Armband: das System 'MaxiDoc' von Nils Finkernagel. (WR-Bild: Lars-Peter Dickel)
Als roter Speicherstick oder als Armband: das System 'MaxiDoc' von Nils Finkernagel. (WR-Bild: Lars-Peter Dickel)

Westfälische Rundschau (WR), 03.06.2008
Internet: www.derwesten.de

Siegener entwickelte Alternative zur Gesundheitskarte - alle Informationen auf einem Speicherstick

Von Lars-Peter Dickel

Siegen. Es klingt ein wenig nach David gegen Goliath, nach Überwachungsstaat und Milliardengrab. Für die "Gesundheitskarte" sollen die Patientendaten von 80 Millionen Deutschen zentral gespeichert werden, um das Gesundheitssystem effizienter zu machen. Ein "David" aus dem Siegerland hält mit einem kleinen elektronischen Speichermedium dagegen: eine Patientenakte quasi für die Hosentasche.

Goliath ist die "Gesundheitskarte", die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) mit den Krankenkassen sowie den Spitzenverbänden von Ärzten und Apothekern entwickeln lässt. Patientenakten sollen digitalisiert, in einer Datenbank zentral gespeichert und gepflegt werden.

David ist Nils Finkernagel. Der 31-Jährige ist ein Siegener Startup-Unternehmer. Gemeinsam mit seinem Vater, dem Bad Berleburger Arzt Dr. Holger Finkernagel, hat er eine Alternative zur Gesundheitskarte entwickelt: Den "MaxiDoc". Vater und Sohn Finkernagel sehen in ihrem USB-Speicherstick die Alternative einer dezentralen Datensicherung.

Patient entscheidet, wer Daten einsieht

Der "gläserne Patient" werde verhindert, weil der Patient entscheide, wer seine Akte einsehen dürfe, so Nils Finkernagel. Sollte ein USB-Stick verloren gehen, könnten schlimmstenfalls die Daten eines Patienten in falsche Hände geraten. Mit einer Speicherkapazität von 35 Gigabyte biete das System Platz für schnell lesbare Notfalldaten (Blutgruppe, chronische Krankheiten, Medikamente) in verschiedenen Sprachen. Zudem seien fälschungssichere Arztberichte, Röntgenbilder und CT-Videos speicherbar. Die Kosten hält Finkernagel für konkurrenzfähig: Mit 50 bis 70 Euro Anschaffungskosten für den Patienten und kostenloser Software ohne Zusatzgeräte für den Arzt sei "MaxiDoc" günstig. Bei der Gesundheitskarte schätzen Experten die Kosten auf 60 Euro für den Patienten und 1.500 bis 14.500 Euro für Soft- und Hardware je nach Praxis-Ausstattung. Nicht kalkulierbar seien die Übertragungskosten für den Datenzugriff.

Von der "Gesundheitskarte" erhofft sich Ulla Schmidt eine höhere medizinische Versorgungsqualität durch besser vernetzte Kommunikation unter den rund 1,8 Millionen Ärzten, Apothekern, Heilpraktikern. Und sie hofft auf Einsparungen, beispielsweise durch Vermeidung von Doppeluntersuchungen.

Rund vier Milliarden Euro sind nach WR-Informationen bislang in das europaweit größte IT-Projekt geflossen, das auch Modellversuch für eine EU-Gesundheitskarte ist. Derzeit laufen großflächige Tests in Bochum und Essen.

Die Karte, die die alte Krankenversicherungskarte ablösen soll, funktioniert als digitale Patienakte aber nur mit zentralen Datenbanken, da auf ihren Speicher-Chip gerade mal 128 Kilobyte passen. Hier setzt massive Kritik in Sachen Datenschutz ein.

Erfinder von der Politik "abgebügelt"

Daten auf Servern seien nicht sicher, sagt die Gesellschaft für Informatik. Dr. Holger Finkernagel berichtet von einem Fall aus dem hessischen Kreis Marburg-Biedenkopf. Dort waren auf Umwegen nicht anonymisierte Patientenakten von Diabetikern, die unzulässigerweise in Vietnam verarbeitet werden sollten, im Straßenverkehrsamt aufgetaucht. Das Amt nutzte die Daten, um die Erkrankten zu einer Tauglichkeitsuntersuchung für den Straßenverkehr aufzufordern.

Seit 2004 arbeitet Nils Finkernagel, unterstützt von IT-Spezialisten, seinem Vater und dem Waltroper Arzt Dr. Franz Tenbrock an "MaxiDoc". Derzeit wird in Waltrop und Bad Berleburg mit rund 1.000 Patienten getestet. Aus eigenen Mitteln hat der frühere BWL-Student 450.000 Euro investiert und sein System zur Serienreife gebracht. Das sind nur 0,1 Prozent dessen, was das Bundesministerium bislang für die Gesundheitskarte ausgegeben hat.

Doch in der Politik stößt Nils Finkernagel auf taube Ohren: "Als ich meine Idee im Bundesgesundheitsministerium vorstellen wollte, bin ich abgebügelt worden", sagt er, "Die Lösung war ihnen zu billig, hat man mir gesagt."

Fürsprecher findet er bei den Ärzten. Der Deutsche Ärztetag sprach sich 2007 und 2008 gegen die Gesundheitskarte aus: zu teuer, zu aufwändig, hieß es. Außerdem störe ein zentraler Datenspeicher das Vertrauensverhätnis zwischen Arzt und Patient.

Für Martin Grauduszus, Präsidenten der Freien Ärzteschaft, ist "MaxiDoc eine echte Alternative" zum "Big Brother-Szenario Gesundheitskarte". Grauduszus organisiert bundesweit Proteste, weiß aber um die Hartnäckigkeit von Ministerin Ulla Schmidt, die "alles auf eine Karte" setzen werde.

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Zukunftspreis für Konzept

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Westfälische Rundschau

Westfälische Rundschau (WR) vom 03.06.2008
Bildquelle: WR-Foto (1) von Lars-Peter Dickel

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